Interpretationen der Quantenphysik
Das größte Problem für ein Verständnis der Quantenphysik besteht darin, dass letztere voraussagt, dass mikroskopische Quantenobjekte (wie z.B. Elektronen) in sogenannten „Superpositionszuständen“ so mit makroskopischen Objekten (wie etwa Katzen) wechselwirken können, dass es zu Überlagerungen z.B. von toten und lebendigen Katzenzuständen kommt. So etwas beobachten wir aber nie—was uns das sogenannte „Messproblem der Quantenmechanik“ beschert. Nach der Kopenhagener Deutung ist es entscheidend, zwischen dem gemessenem Mikroobjekt und dem makroskopischen Messapparat (der Katze) eine Grenze zu ziehen und den Messapparat (bzw. den Beobachter) nicht mehr quantenmechanisch, sondern klassisch zu beschreiben. Damit wäre das Messproblem zwar in gewisser Weise behoben, allerdings auf intransparente Weise. Spätestens seit den 1980er Jahren haben sich mehrere alternative Ansätze etabliert, u.a. die De Broglie-Bohm-Theorie und die Viele-Welten-Theorie, die eine wirkliche Lösung des Messproblems anbieten. Diesen neueren Vorschlägen gemeinsam ist, dass kein sogenannter Kollaps auf eines der möglichen Messergebnisse (z.B. Katze tot oder Katze lebendig) postuliert wird, sondern dass entweder gar kein Kollaps mehr nötig ist oder Kollapse auf der mikroskopischen Ebene genau spezifiziert werden, die sich in transparenter Weise auf die beobachtbare Makroebene übertragen. Ich werde in meinem Vortrag aufzeigen, worin diese Lösungsansätze bzw. Interpretationen bestehen und welche Stärken und Schwächen sie haben.
Meinard Kuhlmann ist seit 2014 Wissenschaftsphilosoph im Philosophischen Seminar der Universität Mainz. Davor lehrte und/oder forschte er u.a. an den Universitäten Bremen, Oxford, Pittsburgh, Hannover, London, Jena und Bielefeld. Von 2012 bis 2021 war er Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Philosophie der Physik der Deutschen Physikalischen Gesellschaft.
Monographien: »Ontological Aspects of Quantum Field Theory« (hg. mit H. Lyre und A. Wayne), 2002; »The Ultimate Constituents of the Material World – In Search of an Ontology for Fundamental Physics«, 2010; »Philosophie der Quantenphysik« (hg. mit C. Friebe, H. Lyre, P. Näger, O. Passon und M. Stöckler, 2018; »Unbestimmt und relativ?: Das Weltbild der modernen Physik« (hg. mit Helmut Fink), 2023.