Die Entführung Europas

»Ich bin Zeitgenosse der beiden größten Kriege der Menschheit gewesen. Ich habe im Vorkrieg die höchste Stufe und Form individueller Freiheit und nachdem ihren tiefsten Stand seit Hunderten Jahren gekannt. Alle die fahlen Rosse der Apokalypse sind durch mein Leben gestürmt, Revolution und Hungersnot, Geldentwertung und Terror, Epidemien und Emigration; ich habe die großen Massenideologien unter meinen Augen wachsen und sich ausbreiten sehen, den Faschismus in Italien, den Nationalsozialismus in Deutschland, den Bolschewismus in Russland und vor allem jene Erzpest, den Nationalismus, der die Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet hat. Ich musste wehrloser, machtloser Zeuge sein des unvorstellbaren Rückfalls der Menschheit in längst vergessen gemeinte Barbarei mit ihrem bewussten und programmatischen Dogma der Antihumanität.« schreibt Stefan Zweig in seiner Autobiografie Die Welt von Gestern - Erinnerungen eines Europäers. Sie erschien 1942, nachdem er sich aus Verzweiflung über die Zerstörung seiner »geistigen Heimat Europa« das Leben genommen hatte.

1957 schaffen sechs Länder mit den Römischen Verträgen die Grundlage, das europäische Selbstverständnis zu erneuern. Aber es ist nicht immer die gemeinsame Idee eines Europas als geistige Heimat, die die Entwicklung treibt. Wirtschaftliche Kräfte übernehmen oft die Führung. Auch wenn es an Widersprüchen und Widerspruch nicht mangelt, finden die Europäer wieder zueinander: »Die Binnengrenzen dürfen an jeder Stelle ohne Personenkontrollen überschritten werden« beschließen sie 1985 in Schengen - ganz so, wie es für Zweig und seine Zeitgenossen bis 1914 selbstverständlich war.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ist Symbol für das gemeinsame Erbe von Aufklärung und Humanismus.

Das Europäische Parlament hat an Befugnissen gewonnen und setzt Maßstäbe im Verbraucherschutz, wo nationale Regierungen im Interessengeflecht den Kompass verloren haben: Beweislastumkehr im Chemikalienrecht, Grenzwerte für ein gesundes Leben oder auch die Abschaffung der Roaminggebühren und die Vereinheitlichung bei Handyladegeräten.

Doch die Gegner von Gleichheit, Solidarität und Vielfalt wollen die Führung übernehmen und erstarken. Statt auf gemeinsame Ideen und Ziele setzen immer mehr auf Abgrenzung und »die Erzpest, den Nationalismus«.

Diesem Aufwärmen alter Ressentiments stellen sich vor allem junge Europäer entgegen. Sie wollen mehr europäische Demokratie wagen und nicht nur in wirtschaftlichen Kategorien denken.

Termine

Mittwochs, 17:15 Uhr – 18:45 Uhr

12 Veranstaltungen, 23. Oktober 2019 – 29. Januar 2020

23.10.2019
Europa: Erfahrung und kulturelle Identität
Prof. Wolfgang Leidhold
Universität zu Köln

30.10.2019
Mehr europäische Demokratie wagen
Anna Cavazzini
Mitglied des Europäischen Parlaments, Brüssel

06.11.2019
Die EU und der deutsche Rechtspopulismus
Dr. Benjamin Höhne
Institut für Parlamentarismusforschung, Berlin

13.11.2019
Ist das Prinzip des ´ever-closer-Europe´ noch zielführend für die europäische Einigung?
Dr. Lazaros Miliopoulos
Universität Bonn

27.11.2019
Grenzüberschreitende Kommunikation und Kooperation in/für Europa? Zur Rolle von Grenzregionen in den deutsch-französischen (Kultur-)Beziehungen
Dr. Christoph Vatter
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

04.12.2019
Anti-Totalitarismus als kleinster gemeinsamer Nenner der Demokratie? Die neue Geschichtspolitik der Europäischen Union
Prof. Stefan Troebst
Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa, Leipzig

11.12.2019
Europa als wir und nicht-wir - Zum Europa-Bild der Kaczynski-Partei
Dr. Magdalena Telus
Universität des Saarlandes, Saarbrücken

18.12.2019
Die Rolle des Euro für die Stabilität der Europäischen Union
Prof. Gunther Schnabl
Universität Leipzig

08.01.2020
Migration als Grenzfall europäischer Demokratie? Die Umsetzung der EU-Agenda für Migration in Griechenland und Italien
Prof. Bilgin Ayata
Universität Basel

15.01.2020
Transit Europa: Serbien zwischen West und Ost
Dr. Nenad Stefanov
Humboldt-Universität zu Berlin

22.01.2020
Investigativer Journalismus als Elixier der Demokratie - Wie eine internationale Kooperation von Journalisten den größten Steuerraub in der Geschichte Europas aufdeckten
Oliver Schröm
Chefredakteur CORRECTIV, Berlin

29.01.2020
Brexit: The Strange Death of Imperial Britain
Dr. John Flanagan
Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig

Ansprechpartner

Dr. rer. nat.
Martin Schubert
Leiter des Hochschulzentrums für überfachliche Bildung
Section:
HSK
Object:
Phone:
+49 341 3076-6155
Fax:
+49 341 3076-6623

Veranstaltungsort

Nieper-Bau
Raum N001
Karl-Liebknecht-Straße 134
04277 Leipzig

Mehr Informationen

Live-Übertragung

Sie können der Veranstaltung auch bequem von zu Hause folgen. Wir übertragen die Vorträge live ins Internet. Die Aufzeichnungen finden Sie auf dem Mediaserver der HTWK Leipzig, meist am folgenden Tag.

Alle Vorträge jeden Montag per E-Mail. Hier eintragen.

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Informationen zum Scheinerhalt

Einschreibung

Die Ringvorlesungen des Studium generale sind öffentlich, d. h. sie sind für jeden Besucher frei zugänglich. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Studierende, die die Teilnahme im Studium generale oder im Wahlpflichtbereich Überfachliche Kompetenzen anrechnen lassen wollen, schreiben sich bitte vorher über OPAL in diesen Kurs ein.

Die Einschreibung beginnt am Montag, den 14.10.2019, um 14:00 Uhr. Für die Einschreibung in die Ringvorlesung ist keine Eile geboten, da die Teilnehmerzahl nicht begrenzt ist. Auch ein nachträglicher Einstieg ist möglich. In diesem Fall müssen die versäumten Vorlesungen online nachgeholt werden.

Online-Teilnahme

Die Vorträge der Reihe werden live übertragen und die Aufzeichnungen in der Regel am folgenden Tag online bereit gestellt.

Wenn Sie zu einem Vortrag nicht im Hörsaal anwesend sein können, können Sie diesen alternativ auch online verfolgen.

Damit Sie auch an der Diskussion teilnehmen können, die im akademischen Bereich wesentlich ist, werden wir ein Online-Tool einrichten und in der Veranstaltung darauf verweisen.

Anwesenheit und Teilnahme

Es gelten die Anwesenheitsregelungen des Studium generale / des Moduls überfachliche Bildung.

Bei insgesamt 12 Veranstaltungen müssen Sie mithin zwingend die Teilnahme an 11 Veranstaltungen nachgewiesen haben. Krankheit oder sonstige Entschuldigungsgründe sind dabei unerheblich, da Sie die Vorträge auch zeitversetzt online anschauen können. Auf diese Weise können wir auf eine abschließende Lernerfolgskontrolle in Form einer schriftlichen oder mündlichen Prüfung verzichten

Mit dem Wintersemester 2019/2020 erfolgt die Teilnahmeüberprüfung erstmals nicht durch Unterschriftenlisten, sondern durch kurze Reflexionstexte, die im Anschluss an den jeweiligen Vortrag über ein Formular in OPAL eingegeben werden.

Zur Teilnahme gehört auch die abschließende Reflexion zur Vortragsreihe insgesamt.

Reflexion zu jedem Vortrag

Für die Bestätigung der Teilnahme muss im Anschluss an den jeweiligen Vortrag ein kurzer Reflexionstext im Umfang von 50 bis 100 Wörtern verfasst und über OPAL eingereicht werden.

Halten Sie nach dem Vortrag also kurz inne, betrachten Sie Ihre Aufzeichnungen und überlegen, was Sie besonders überrascht, überzeugt, verärgert oder gefehlt hat. Die Reflexion soll Sie zur Auseinandersetzung mit dem Thema (oder auch einem Metathema) anregen. Zudem dient es uns natürlich als Teilnahmekontrolle und Feedbackschleife.

Eine Nacherzählung oder Inhaltsangabe ist hier nicht sinnvoll, das wäre ermüdend für Sie und uns als Leser.

Reflexionsbericht zur Reihe am Semesterende

Ergänzend zum Nachweis der Teilnahme über die regelmäßigen Reflexionstexte verfassen Sie am Ende der Ringvorlesung einen etwas umfangreicheren Text (250 - 1.000 Wörter).

Die Abgabe erfolgt wieder über ein Eingabeformular in OPAL, das  am Ende der Reihe freigeschaltet wird.

Erörtern Sie, mit welchen Vorstellungen und Fragen Sie am Anfang des Semesters in die Ringvorlesung gekommen sind und wie sich diese im Laufe der Reihe entwickelt haben.

Leitfragen zur Orientierung

Diese Fragen müssen nicht vollständig abgearbeitet werden. Sie dienen lediglich der Orientierung.

  • Was nehme ich mit?
  • Was ist mir besonders in Erinnerung geblieben?
  • Was hat mir an der Reihe gefehlt?
  • Hat sich meine Meinung zu bestimmten Themen geändert?